Clean Hydrogen Coastline: Fortschritte im „Wasserstoffzentrum Nordwest”. Interview mit Dr. Urban Keussen, CTO EWE AG

21. Mai 2024 | Die ersten Wasserstofftests im EWE-Kavernenspeicher Rüdersdorf sind erfolgreich abgeschlossen. Das Speicher-Projekt ist Teil von Clean Hydrogen Coastline, einem Wasserstoff-Großprojekt in Nordwestdeutschland, für das die EU-Kommission im Februar 2024 ihre beihilferechtliche Genehmigung erteilt hat. Im Interview mit H₂News fasst der Technikvorstand des Oldenburger Energiedienstleisters, Dr. Urban Keussen die Ziele und die Struktur des Projekts zusammen und erklärt, welche Schritte als nächstes anstehen.

H₂News: Herr Keussen, welche Rolle spielt das Thema Wasserstoff für die EWE AG?

Dr. Urban Keussen: Wir haben Wasserstoff schon vor Jahren weit oben auf die strategische Agenda gesetzt und sind davon überzeugt, dass er ein wesentlicher Teil der Energiewende sein wird. Heute werden rund Dreiviertel des Energiebedarfs in Deutschland über Moleküle abgedeckt, und der Bedarf wird hoch bleiben. Das liegt vor allem an der Volatilität der erneuerbaren Energien, an der Energiespeicherung und dem -import. Langfristig lässt sich Energie in molekularer Form effizienter speichern, und große Energiemengen können in Form von Molekülen auch effizienter und über lange Strecken transportiert werden, etwa über das Pipeline-Netz. Wir brauchen für eine erfolgreiche Energiewende neben den fluktuierenden Erneuerbaren also grüne Moleküle, und dabei spielt Wasserstoff eine wichtige Rolle.

H₂News: Clean Hydrogen Coastline ist DAS Wasserstoffprojekt von EWE. Was unterscheidet es von anderen Wasserstoff-Großprojekten?

Keussen: Der überwiegende Teil des EWE-Heimatmarktes liegt in Nordwestdeutschland, einer Region mit optimalen Voraussetzungen für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Wir können vor Ort grüne Elektronen aus Onshore- und Offshore-Windkraft gewinnen, wir haben eine hohe Dichte an bestehenden Gaspipelines, die sowohl von Nord- nach Süd als auch von Ost- nach West laufen, wir haben mit den Salzstöcken die geologischen Formationen, in denen wir Wasserstoff unter Tage einspeichern können, wir haben in Wilhelmshaven einen Seehafen, der geeignet ist, Energietransporte zu realisieren, und wir haben die unterschiedlichsten Verbraucher in der Region, von ArcelorMittal in Bremen bis hin zu vielen KMUs, die an der Nutzung von Wasserstoff interessiert und perspektivisch darauf angewiesen sind. Clean Hydrogen Coastline nutzt all diese Vorteile und soll in allen Teilen der Wertschöpfungskette einen großen Schritt nach vorne machen.

Clean Hydrogen Coastline verbindet Erzeugung, Speicherung, Transport und Nutzung von grünem Wasserstoff in Nordwestdeutschland (© EWE/Litho Niemann + M. Steggemann)

H₂News: Was sind für Sie die wichtigsten Elemente des Projekts?

Keussen: Das sind im Wesentlichen die drei, für die wir die IPCEI-Förderung beantragt haben: großtechnische Wasserstofferzeugung, -transport und -speicherung. Wir wollen in Emden einen 320 MW-Elektrolyseur errichten, zudem sollen die 12 MW Kapazität, die bereits an unserem Standort in Bremen existieren, für das dortige Stahlwerk um 50 MW erweitert werden. Für den Transport wollen wir in Teile des Wasserstoff- Kernnetzes investieren, um im Schulterschluss mit anderen Pipeline-Errichtern unsere Elektrolyseure und Speicher anzubinden. Und für die Speicherung arbeiten wir an unserem Standort in Huntorf an der Skalierung unterirdischer Speicherkapazitäten, die für die anderen Teile der Wertschöpfungskette bereitstehen. Wir haben bereits ein Projekt in Rüdersdorf bei Berlin, mit dem wir zeigen, dass die Wasserstoffspeicherung technisch einwandfrei funktioniert. Nach dem Bau und diversen Dichtheitsuntersuchungen testen wir gerade den Betrieb des Speichers, also das Ein- und Ausspeichern des Wasserstoffs auf verschiedenen Druckstufen. Das läuft bislang sehr gut und deswegen sind wir zuversichtlich, dass wir perspektivisch auch signifikante Mengen werden speichern können. Als weiteres Element kommt die Versorgung mit erneuerbarer Energie hinzu. Wir können einen großen Teil des Bedarfs durch eigene Onshore-Erzeugung abdecken, brauchen für den Rest aber Power Purchase Agreements. Last but not least sind auch die Industrie-Abnehmer ein wichtiger Teil des Gesamtpakets.

H₂News: An welchem Punkt befindet sich das Vorhaben aktuell?

Keussen: Wir haben kürzlich die Notifizierung der EU-Kommission erhalten und warten jetzt auf den Förderbescheid von Bund und Land, dann können wir die finalen Investitionsentscheidungen treffen und hoffentlich loslegen. Die Teile der Wertschöpfungskette hängen ja von Beginn an zusammen: Um Kunden strukturiert beliefern zu können, braucht es nicht nur einen Elektrolyseur, sondern auch einen Anschluss ans Gasnetz sowie die erforderlichen Speicher und Leitungen. Wir sprechen bei dem Finanzierungsbedarf unserer IPCEI-Vorhaben übrigens von einem oberen dreistelligen Millionenbetrag, von dem die Förderung einen maßgeblichen Teil einnehmen soll. Derzeit heißt es, dass die Förderbescheide in einigen Wochen vorliegen sollen. Die Wirtschaftlichkeitsrechnungen können wir aber erst nach Vorliegen der Förderbescheide in unseren Gremien erörtern, um dort final zu entscheiden.

Auf dem EWE-Gasspeichergelände im Brandenburgischen Rüdersdorf untersucht EWE in einer kleinen Test-Kaverne das Wechselspiel zwischen
der Ein- und Ausspeicherung von Wasserstoff. Die Erkenntnisse aus Rüdersdorf will EWE dann beim Speicherprojekt in Huntorf einbringen (© EWE)

H₂News: Was wäre Ihr Ziel für das Ende des Jahres?

Keussen: Wenn in den nächsten Wochen alle Förderbescheide wie geplant vorliegen und wir die finale Investitionsentscheidung getroffen haben, werden wir bis dahin in den drei großen Projektelementen Elektrolyse, Transport und Speicherung die ersten Stufen erreicht haben. Außerdem werden dann hoffentlich erste verbindliche PPAs auf der einen Seite, und Verträge mit Kunden auf der anderen Seite vorliegen. Wir als EWE denken, dass der Hauptabnehmer für Wasserstoff zunächst die Industrie sein wird – sowohl die großen Unternehmen als auch der Mittelstand. Hier verbindliche Lieferverträge abzuschließen, ist eine der Herausforderungen.

H₂News: Warum?

Keussen: Wir können im Moment nicht sagen, wann genau wir zu welchem Preis liefern können. Produktionsstart und Verkaufspreis hängen ja maßgeblich vom Eintreffen und vor allem der Höhe der Förderbescheide ab, aber auch von politischen Rahmenbedingungen, wie der angekündigten Speicherstrategie des Bundes. Zudem haben unsere möglichen Abnehmer zwar Dekarbonisierungsziele formuliert und ein hohes Interesse an grünem Wasserstoff, kennen aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht final. Entsprechende Förderungen wurden angekündigt, aber auch die Abnehmer müssen wissen, welche Mittel sie konkret erhalten werden. Dafür spielen die angekündigten Klimaschutzverträge eine entscheidende Rolle. Erst dann können wir uns mit ihnen auf konkrete Preise einigen.

H₂News: Einer Ihrer Kunden wird ArcelorMittal Bremen sein. Hier geht es um besonders große Wasserstoffmengen. Kann das Stahlwerk in Bremen allein mit der Kapazität von Clean Hydrogen Coastline versorgt werden?

Keussen: Die Stahlunternehmen sind momentan die großen Kunden für Wasserstoff. Um Ihnen eine Zahl zu nennen: Wenn ein Hochofen auf Direktreduktion umgerüstet wird, rechnen die Stahlhersteller mit einem Wasserstoffbedarf von rund 140.000 t pro Jahr. Wir peilen mit unserem Elektrolyseur eine Größenordnung von ungefähr 40.000 t pro Jahr an. Alleine damit können wir die Vollversorgung also nicht sicherstellen. Auch bei anderen Herstellern scheint der Bedarf deutlich größer zu sein als das aktuelle Angebot.

H₂News: Wird die Beihilfegenehmigung für die Projekte der Hy2Infra-Welle eine entscheidende Auswirkung auf den Wasserstoffhochlauf in Europa haben?

Keussen: Zusammen mit den anderen IPCEI-Paketen definitiv. Insgesamt stehen wohl über 30 Mrd. € für europäische Wasserstoffprojekte unter IPCEI-Vorbehalt. Wenn diese jetzt in einzelnen Wellen freigegeben werden, hilft das auf jeden Fall, da es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir einen liquiden Wasserstoffmarkt erhalten. Entscheidend dafür ist aber die Geschwindigkeit. Wir hören derzeit beispielsweise von Elektrolyseurherstellern, dass sie überlegen, Produktionskapazitäten aufgrund der besseren Bedingungen in die USA zu verlegen. Je langsamer wir jetzt also in Europa sind, desto schwerer wird es auch mit Blick auf die zur Verfügung stehende Technik, unsere Ausbauziele bis 2030 zu erreichen.

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